Einatmen – Ausatmen – Die Kunst des sanften Loslassens

Einatmen – Ausatmen – Die Kunst des sanften Loslassens.

„Kabir spricht: Sag mir, was ist Gott? Er ist der Atem innerhalb des Atems. Kabir spricht: Oh Freund, Gott ist der Atem allen Atems.“

Der Atem ist ein Wunder, das uns durchweht. Und das Wunder aller Wunder: in der Mitte des Atems das Göttliche selbst. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte dieses Wunders zumindest andeuten und Sie ermuntern dieses Mysterium zu entdecken und durch Bewusstheit und Achtsamkeit tiefer und tiefer darin einzutauchen.

1. Atem und Leben. Menschen, Tiere und auch Pflanzen atmen solange sie leben. Atem ist Leben. „Da machte Gott den Menschen aus Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“, heißt es im alten Testament. Erst durch den Atem wird aus einem Körper ein lebendes Wesen.

2.  Zusammenziehung und Ausdehnung. In der indischen Mythologie gibt es ein wunderschönes Bild. Vishnu, der Schöpfergott liegt ruhend und entspannt. Er atmet ein und atmet aus. Mit jedem Einatmen Vishnus kommen die Welt und alle Universen ins Leben, werden erschaffen. Mit jedem Ausatmen Vishnus verschwinden und vergehen sie. Er atmet mit derselben Leichtigkeit ein, mit der er ausatmet. Im Ausatmen wie im Einatmen ist er in völliger Ruhe und Friedlichkeit. Weder ist die Erschaffung der Universen eine Arbeit für ihn noch das Loslassen seiner Schöpfung eine Qual. Derselbe Fluss, dieselbe Harmonie, derselbe Rhythmus, dieselbe Kreativität und dasselbe Loslassen sind auch in unserem menschlichen Atem. Unsere Lungen weiten sich im Einatmen und ziehen sich im Ausatmen zusammen. Sie nehmen Luft herein und lassen sie wieder los. Das ist die universelle Bewegung des Lebens: Ausdehnung und Zusammenziehung. Das eine ohne das andere gibt es nicht. Anfang und Ende, Geburt und Tod, Einatmen und Ausatmen, Freude und Schmerz – eine harmonische und rhythmische Bewegung, die die ganze Existenz durchzieht. Das Universum selbst dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen.

3. Die Brücke. Im Sutra der 42 Kapitel heißt es: „Buddha fragte einen Mönch: ‚Woran misst du die Spanne eines menschlichen Lebens?’ ‚Sie währt nur wenige Tage’, antwortete er. Der Buddha sagte: ‚Du hast nicht verstanden,’ und fragte einen zweiten Mönch, der antwortete: ‚Sie ist wie die Zeit, die man braucht um eine Mahlzeit einzunehmen. ’Buddha erwiderte: ‚Du hast nicht verstanden,’ und fragte einen Dritten, der antwortete: ‚Sie misst sich an seinem Atem’. Der Buddha sagte: ‚Exzellent, du hast den Weg verstanden.’ “ Der Atem begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre, und doch bemerken wir ihn oft nicht. Sich des Atems bewusst zu sein ist immer wieder ein Tor zurück zu uns selbst, zurück zum Mysterium des Lebens und des Seins. Der Atem ist wie eine Brücke zwischen Körper und Emotion, zwischen Körper und Geist, und zwischen Form und dem Gestaltlosen, zwischen dem Geborenen und dem Ewigen. Nicht nur der Sauerstoff belebt uns im Atmen, sondern das Ewige, das Ungeborene, das Göttliche selbst durchweht uns. Das indische Wort Prana drückt das besser aus als unser physiologisch geprägtes Wort Atem.

4. Atem und Emotion. Zwischen Atem und Gefühlen besteht eine tiefe Verbindung. Es ist unmöglich erregt oder ärgerlich zu sein, ohne dass der Atemrhythmus sich ändert. Und der Atem geht ruhig, tief und harmonisch, wenn wir in Harmonie, wenn wir in Liebe sind. Diese Verbindung kann man nutzen. Osho kreierte Meditationstechniken wie die Dynamische Meditation, bei der zunächst durch chaotisches Atmen verborgene, verdeckte oder unterdrückte Gefühle wachgerufen und dann in einer kathartischen Phase tief gefühlt und auch ausgedrückt werden, um dann in eine tiefe Stille zu gelangen, die nicht Gefühle unterdrückt oder überdeckt, sondern gerade in der Mitte der Gefühle, unter den Gefühlen immer vorhanden ist. Andererseits ist es möglich, wenn z.B. Zorn auftaucht, bewusst zu atmen, den Atem zu beobachten und ihn sich langsam beruhigen zu lassen und so auch den Zorn zu besänftigen und verrauchen zu lassen – ohne ihn zu unterdrücken.

5. Atem und Bewusstheit. Im Anapanasati Sutra, dem Sutra über das bewusste Atmen, sind sechzehn Methoden des bewussten Atmens beschrieben – beginnend mit: „Da setzt sich ein Mönch nieder nachdem er in den Wald oder zum Fuß eines Baumes oder in eine leere Hütte gegangen ist; nachdem er die Beine gekreuzt, den Oberkörper aufgerichtet und die Achtsamkeit vor sich gegenwärtig gehalten hat, atmet er völlig achtsam ein, achtsam atmet er aus. Wenn er lang einatmet, weiß er, dass er lang einatmet, wenn er lang ausatmet, weiß er, dass er lang ausatmet…“ bis hin zu „Er übt sich so: Ich werde einatmen und dabei das Loslassen betrachten; ich werde ausatmen und dabei das Loslassen betrachten. Ihr Mönche, so wird die Achtsamkeit auf den Atem entfaltet und geübt, so dass sie von großer Frucht und großem Nutzen ist.“ Den Atem beobachten, ohne ihn zu ändern, mit aller Aufmerksamkeit und ohne Beurteilung – Einatmen, Ausatmen – bringt uns immer wieder zur klaren Bewusstheit jenseits der Beschränktheit des dualistischen Geistes zurück, bringt uns zu unserer Mitte zurück, vertieft Verstehen und Weisheit und weitet Mitgefühl.

6. Atem und unsere Verbindung zu Allem – Mitgefühl. Die Luft, die Sie gerade einatmen, ist die Luft, die Ihre Zimmerpflanze, oder der Mensch der in der U-Bahn neben Ihnen sitzt, eben ausgeatmet hat. Wir tauschen den Atem mit allen lebenden Wesen aus. Wir können uns, wenn wir uns dessen bewusst sind nicht vom Rest der Welt abgrenzen. Wo fängt Ihr Atem an und wo hört der Atem Ihres Nachbarn auf? Es ist ein Atem, ein Leben. Die Vernetztheit und gegenseitige Bedingtheit aller Phänomene und aller Wesen wird hier so deutlich, so klar, so praktisch. Den Atem beobachtend stellt man fest: Es gibt keine Trennung zwischen Außen und Innen, sondern ein Zusammenspiel, eine Harmonie.

Von hier ist es weniger als ein Schritt zu Atisha: „Übe dich im Austauschen (Tonglen), im Nehmen und Geben abwechselnd. Tu das indem du auf dem Atem reitest.“ Die meisten Menschen versuchen alles Angenehme zu sich heranzuziehen und alles Unangenehme von sich abzuhalten – das scheint zunächst eine natürliche Verhaltensweise zu sein. In Wahrheit hält es die Idee der Trennung meiner selbst vom Rest der Welt aufrecht, ist Ausdruck der Territorialbildung des kleinen Ich und der Verblendung und verursacht Gier, Hass und Leiden. Atishas Aufforderung Angenehmes mit dem Ausatmen loszulassen und zu verströmen ohne irgendetwas dabei zurückzuhalten und Unangenehmes mit dem Einatmen in mein Herz hereinzunehmen und es ohne Rückhalt zu fühlen bewirkt eine Kehrtwendung. Im Mitgefühl lösen sich alle Grenzen auf und Weisheit scheint auf. Diese Kehrtwendung ist nicht auf die Zeit, die man auf seinem Kissen sitzend verbringt beschränkt, sondern ist sehr praktisch und muss sich im Leben zeigen und erweisen. So manche gewohnte Reaktionsweise wird dann nicht mehr möglich sein.

7. Die Lücke. Im Vigyan Bairav Tantra heißt es: „Devi fragt: ‚Oh, Shiva, was ist deine Wirklichkeit? Was ist dies von Wundern erfüllte Universum? Was ist der Same? Wer hält das Rad des Alls im Gleichgewicht? Was ist dies Leben jenseits von Form, das alle Form durchdringt? Wie können wir vollends hineingelangen? Hinaus über Raum und Zeit, Namen und Bezeichnungen? Schaffe meinem Zweifel Klarheit!’ Shiva antwortet: ‚Strahlende, diese Erfahrung mag dir zwischen zwei Atemzügen dämmern. Nachdem der Atem hineingegangen ist, und kurz bevor er wieder nach oben steigt – die Wohltat.’ “ Lücken sind Türen in die Unendlichkeit. In den Lücken zwischen den Worten, zwischen den Gedanken scheint die klare Natur des Geistes auf, wenn wir bewusst genug sind, sie wahrzunehmen. Zwischen Einatmen und Ausatmen und zwischen Ausatmen und Einatmen liegt immer eine kleine Lücke, eine kurze Zeitspanne, in der der Atem stillsteht. Ein- und Ausatmen sind wie Geburt und Tod – die Lücke dazwischen führt ins Ungeborene, Unsterbliche, Nicht-Sagbare. „Der Atem innerhalb des Atems. Gott, der Atem allen Atems“, wie Kabir sagt. Hier ist kein Unterschied zwischen Ihrer Mitte und der Mitte von Allem. Hier findet die Begegnung jenseits jeder Begegnung statt. In dieser Begegnung und Hingabe verschwinden wir als Person in einer tiefen Verbeugung. Die klare Natur des Geistes bleibt, Liebe bleibt, Mitgefühl und Weisheit bleiben, Freude bleibt, und das Mysterium hat kein Ende.