Zurück zur Wurzel

Zurück zur Wurzel

Wegweiser Köln August/September 2003

“Gib dich der äußersten Leere hin, versenke dich inbrünstig in Stille. Die zehntausend Dinge nehmen Gestalt an, und steigen zur Tätigkeit auf. Doch gleichzeitig sehe ich ihre Nicht-Aktion, ihr Zurückkehren zur Ruhe. Wie Pflanzen, die üppig sprießen, aber zur Wurzel und Erde zurückkehren, der sie entsprossen sind. Zurückkehren zur Wurzel ist Stille. Zurückkehren zur Wurzel heißt, das Unwandelbare, Formlose zu schauen. Dies zu schauen bedeutet, sich zur Ewigkeit zu wenden und die ewigen Gesetzmäßigkeiten zu verstehen. Das ewige Gesetz erkennen heißt Klarheit erlangen.”

Lao-Tse, Tao Te King

Aus der Leere, der Stille, dem Tao entsteht alles und alles geht dort hin. Ja, sitze in der Mitte von Allem, in der Stille, und gib dich Dem hin. Diese Hingabe ist immer Hingabe an die Göttlichkeit, die Buddha-Natur, das Tao, die Existenz. Nichts sonst! Nicht an Männer, nicht an Frauen, oder an sonst irgendwas. In Hingabe, in Stille seiend siehst du zugleich die zehntausend Dinge Gestalt annehmen. Vögel fliegen, und pfeifen, ein Hund schnarcht, Geschirr klappert, alles Mögliche geschieht. Und wir sehen und hören wie es geschieht. Wir bleiben in der Stille, aber bleiben nicht darin hängen, sondern sehen, wie alles, was in Aktion ist, eigentlich gleichzeitig in Ruhe ist und auf jeden Fall zur Ruhe zurückkehrt. Jeder Vogel, der auffliegt, wird sich irgendwann setzen. Jedes Flugzeug, das startet, wird irgendwann landen. Jeder Mensch, der geboren wird, wird irgendwann sterben. Alles geht immer rundum. Und wir sehen, dass Ruhe am Anfang war und Ruhe am Ende ist. Der Anfang und das Ende des Kreises. Jedes Pendel, auch wenn es noch so weit schwingt, kommt immer an der Mitte vorbei. Das ist unausweichlich. Die Extreme sind nicht unausweichlich.  Erstaunlich – meistens denken die Menschen nämlich das Gegenteil.

“Zurückkehren zur Wurzel ist Stille.”  Und zwar während wir leben, wir müssen nicht warten bis wir sterben. Es ist eine Gnade des Menschseins, dass wir während wir leben, wenn wir wollen, zur Wurzel zurückkehren können. Immer wieder. Wir können aktiv sein, aber wir müssen uns nicht in Aktivität verfangen. Wir können nach Außen gehen und immer wieder zur Wurzel zurückkommen. Wir können in der Mitte bleiben und gleichwohl in Aktion sein. Wir können handeln, ohne zu handeln.  Das ist wunderbar.

Wenn wir zur Wurzel zurückkehren, kehren wir zurück zu dem, was keine Form hat und in seiner Formlosigkeit unwandelbar ist. Das ist das Tao. Nicht zu erklären, aber Allem zugrunde liegend. Wenn wir das Formlose – das, was man nicht sehen kann – schauen, dann erkennen wir die Gesetzmäßigkeit. Auch die Gesetzmäßigkeit dessen, was man sehen kann. Wir erkennen das Kommen und Gehen, das Auseinander Entstehen, Ineinander Verwoben Sein, Voneinander Abhängen, Zusammengesetzt Sein unserer Selbst und aller Wesen und Dinge. Und wir erkennen das Gesetz der Liebe und der Fairness, die über eine gesetzmäßige Gerechtigkeit hinausgeht, und handeln entsprechend.  Wir sehen, dass wir die Blätter an den Bäumen sind und die Wolken am Himmel. Und wenn wir das sehen, dann sehen wir, dass wir nicht vergehen. Wir sind Blatt, wir sind Baum, wir sind Tier, wir sind Mensch. Eins kommt aus dem Anderen. Kein Anfang, kein Ende. Sterne, Welten kommen und gehen.  Aber genau, wenn wir in die Vergänglichkeit ganz tief eintauchen, landen wir bei dem, was nicht vergeht.  Das ist Klarheit.