Wahrheit und Meinung – Ein Aufruf zu Achtsamkeit unseren Gedanken gegenüber

Wahrheit und Meinung –
Ein Aufruf zu Achtsamkeit unseren Gedanken gegenüber

Bei meinen Recherchen für den aktuellen Newsletter, in dem auch das Wort des Jahres 2016 Thema ist,  stieß ich auf die Schrift von Hannah Arendt „Wahrheit und Politik“ aus dem Jahr 1967 (auf Deutsch erschienen im Piper Verlag 1972).
Diese Schrift zog mich in ihren Bann, da dort so vieles was wir gerade erleben und was uns verwirrt so klar und deutlich bereits beschrieben ist.
Ich schätze Hannah Arendt als eine sehr unabhängige Denkerin. Sie setzte sich zum Beispiel mit ihrem eigenen Lehrer Heidegger kritisch und zugleich in allem Respekt auseinander. Und auch an vielen anderen Stellen scheute sie keine Angriffe, die ihr entgegenkamen, wenn sie ihre Überzeugungen vertrat.
In o.g. Schrift vertritt sie einerseits die Ansicht, dass keine Regierung ohne Meinung geben könne, da selbst eine absolutistische Herrschaft auf die Unterstützung Gleichgesinnter also Menschen gleicher Meinung angewiesen sei. Sie stellt auch klar, dass das Aufeinanderprallen von Meinungen wichtig ist um zu einem Konsens in Gemeinschaften zu kommen, also eine demokratische Auseinandersetzung.
Sie warnt aber zugleich dringend davor Tatsachen zu Meinungen zu degradieren.
An einer Stelle schreibt sie dort:
„Wo immer andererseits in der freien Welt unliebsame Tatsachen diskutiert werden, kann man häufig beobachten, daß man ihre bloße Feststellung nur darum toleriert, weil dies von dem Recht zur freien Meinungsäußerung gefordert werde, daß also, halb bewußt und halb ohne dessen auch nur gewahr zu sein Tatsachenwahrheit in eine Meinung verwandelt werden. Unbequeme geschichtliche Tatbestände, wie daß die Hitlerherrschaft von einer Mehrheit des deutschen Volkes unterstützt oder daß Frankreich im Jahre 1940 von Deutschland entscheidend besiegt wurde oder auch die profaschistische Politik des Vatikans im letzten Krieg, werden behandelt, als seien sie keine Tatsachen, sondern Dinge, über die man dieser oder jener Meinung sein könne. Da solche Feststellungen Gegenstände von unmittelbarer politischer Relevanz betreffen, geht es hier um mehr als die vielleicht unvermeidliche Spannung zwischen zwei diametral entgegengesetzten Lebensweisen innerhalb des Rahmens einer gemeinsamen und gemeinsam erfahrenen Realität. Was hier auf dem Spiele steht, ist die faktische Wirklichkeit selbst, und dies ist in der Tat ein politisches Problem allererster Ordnung.“
Für mich ist das ein dringlicher Aufruf zur Achtsamkeit unseren eigenen Gedanken gegenüber! Wo hören die Tatsachen auf und wo fängt die Meinung an? Was sind belegte historische Fakten und was ist Interpretation? Auch dies wieder sowohl in unserer Beziehung zur Politik und Gesellschaft als auch ganz besonders in unserem eigenen Alltagsleben und unseren eigenen Beziehungen! Wie oft verwechseln wir Faktum und Interpretation in einem Streit?
Wenn wir auch hier unsere unterscheidende Weisheit üben, wird unsere Intelligenz wachsen und unsere Verwirrung im Angesicht von Postfaktizität, Fake-News und Informationsüberflutung abnehmen.
EINATMEND BEOBACHTE ICH MEINEN GEIST –  AUSATMEND BEOBACHTE ICH MEINEN GEIST.
EINATMEND KONZENTRIERE ICH MEINEN GEIST – AUATMEND KONZENTRIERE ICH MEINEN GEIST.
EINATMEND BEFREIE ICH MEINEN GEIST – AUSATMEND BEFREIE ICH MEINEN GEIST