Ganzheit

Ganzheit

Für KGS Bremen Juni 2003

OM
PURNAM ADAH
PURNAM IDAM
PURNAT PURNAM UDACHYATE
PURNASYA PURNAM ADAYA
PURNAM EVA VASHISYATE

Das ist Ganzheit,
dies ist Ganzheit.
Aus der Ganzheit entspringt Ganzheit.
Wenn der Ganzheit Ganzheit entnommen wird,
siehe, es bleibt immer noch Ganzheit zurück.
Friede, Friede, Friede.

Das ist ein Mantra aus den Upanishaden. Upanishaden sind uralte indische Weisheitstexte, eine Sammlung verschiedener Meister, deren Namen man gar nicht mehr kennt.  Uralte kollektive Weisheit.  Schon der Anfang dieses Mantras ist so schön: “Das ist Ganzheit, dies ist Ganzheit.”  Ja, das Letztendliche, die Göttlichkeit, die Existenz, die Leere, die übervoll ist, ist Ganzheit.  Aber genauso ist ein Tisch Ganzheit, ein Baum, ein Sandkorn. In allem spiegelt sich das Selbe und drückt sich das Selbe aus.  Gott und die Welt – Ganzheit.

Es ist wie bei den Fraktalen.  Eine wunderschöne Sache: Mathematiker fanden bestimmte Formeln, die sich graphisch in Mustern ausdrücken lassen.  Wunderschöne Muster siehst du da auf dem Computer. Und dann zoomt man hinein, irgendwo in eine Ecke des Bildes, und bekommt dasselbe Muster wieder. Man zoomt weiter hinein – wieder dasselbe Muster.  Du kannst bis in alle Ewigkeit reinzoomen, soweit deine Pixel auf dem Computer reichen, da ist kein Ende. In jedem einzelnen Punkt findest du wieder das ganze Muster.  Und diese Fraktale sind so wunderschön. Sie entsprechen natürlich der Natur – du siehst Muster, die man kennt. Zum Beispiel Broccoli, oder eine Schnecke., oder ein Muster wie Äste, die sich von großen zu kleinen Ästen zu Zweigen und Zweiglein verzweigen. Und in jedem Punkt findest du immer das Ganze.

Das große Eine, die Unendlichkeit, Ewigkeit, das Göttliche – Ganzheit.  Und genau so und ohne irgendeinen Abstrich, ohne irgendeinen Wertunterschied – die Ganzheit in allen Phänomenen. Eine Uhr ist nicht so ein bisschen weniger göttlich als das Große Eine, sondern sie ist wirklich auch Ganzheit.  Ganzheit in allem.  Deshalb geht es darum das Leben zu leben, in aller Fülle.  Alle Geschenke sind darinnen in jedem Moment.  Jeder einzelne Moment ist Ewigkeit, ist Das.  “Aus der Ganzheit entspringt Ganzheit.”  Aus dem Göttlichen, aus dem Unaussprechlichen, entspringt immer wieder Ganzheit.

Und „aus der Ganzheit entspringt Ganzheit“ heißt, sie bleibt nicht stehen.  Sie ist lebendig.  Die Existenz, das Göttliche, ist höchst lebendig, es bleibt noch nicht einmal bei seiner Ganzheit stehen.  Sagt nicht, „ah, ich bin Ganzheit.  Ich bin Das.  Punkt.“  Sondern es ist ein ständiges Neuentspringen.  Der Ganzheit aus der Ganzheit.  Ohne Ende. Das ist wichtig.

Und jetzt kommt die mystische Mathematik: “Wenn der Ganzheit Ganzheit entnommen wird, siehe, es bleibt immer noch Ganzheit zurück.”  Wenn wir einer Tüte etwas entnehmen, ist normalerweise hinterher weniger drin.  Das ist unsere normale Mathematik.  Wenn ich wieder etwas hinzufüge, ist wieder mehr drin.  Das ist die Mathematik, die wir natürlich auch nicht vergessen dürfen, wenn es um unser Bankkonto geht.  Sie ist praktisch und richtig. Aber die Mathematik der Mystik geht weit darüber hinaus.  Sie sagt: selbst wenn ich alles herausnehme, ist immer noch alles da. Kein Ende der Fülle.  Selbst wenn ich der Ganzheit etwas hinzufüge – dieselbe Ganzheit. Wenn ich etwas wegnehme – dieselbe Ganzheit.  Dieselbe Perfektion bleibt immer.

Der Anfang des Mantras: “Purnam ada, purnam idam:  Das ist Ganzheit, dies ist Ganzheit.” Es ist wichtig dies an den Anfang zu setzen, denn die Tendenz des Geistes ist – wie immer – auf eine Seite zu springen, entweder zu sagen: „ich bin ganz weltlich“, oder zu sagen: „ich bin ganz heilig, oder ganz himmlisch, oder ganz unweltlich.“ Nein: “Das ist Ganzheit, dies ist Ganzheit.”  Das Ende des Mantras ist die mystische Mathematik und die Mitte ist das Leben: “Aus der Ganzheit entspringt Ganzheit.”  Es geht immer weiter, bleibt nie stehen.  Das Om, das Amen, steht am Anfang, nicht am Ende. Kein Punkt am Ende, sondern der Urklang, das Om, das eigentlich das Ganze sowieso schon ausdrückt, steht am Anfang.  Und genau wie beim Gayatri-Mantra, gibt es auch im Entdecken der Tiefe dieses Mantras kein Ende. Und im tiefer und tiefer und tiefer sinken in Das, in all seinen Aspekten der Stille und Lebendigkeit, der Perfektion und des Wachsens, kommt Frieden.  Innen und Aussen: Shanti.

Die Fülle nimmt kein Ende.  Die Ganzheit verschenkt sich und verschenkt sich und verschenkt sich und bleibt immer die Ganzheit. Da fehlt nichts. Da muss man nicht sparen.  So ist es auch mit der Liebe.  Sie wird nicht weniger.  Überreich an Geschenken und so lebendig in seinem ständigen Entspringen und Entspringen und Entspringen.  Und der Friede und die Stille durchzieht alles.