Die Brücke zwischen der schlafenden Göttlichkeit, der Natur und dem bewussten Sein

Die Brücke zwischen der schlafenden Göttlichkeit, der Natur und dem bewussten Sein

Wegweiser-Magazin 03.01

Eine Zeichnung von Leonardo da Vinci, auf der ein Mann dargestellt ist, die Füße fest auf dem Boden und die Arme hoch zum Himmel erhoben, kommt mir immer wieder in den Sinn. Das menschliche Wesen ist wie eine Brücke zwischen der schlafenden Göttlichkeit der Natur und der Bewusstheit des reinen Seins. Alles ist in seiner Essenz Göttlichkeit, aber im Menschen besteht die Möglichkeit der Bewusstwerdung. Deshalb sagen die Tibeter: ,,Die menschliche Geburt ist eine kostbare Geburt.“ Hier kann die Bewusstwerdung dessen, was sowieso ist, geschehen. Hier kann das Leiden beendet werden. Dazu ist es notwendig, die Illusion zu durchschauen, den Schleier, der darüber liegt, zu lüften. Um sie wirklich zu durchschauen, müssen wir tief in sie hineingehen. Es reicht nicht, die Illusion als Illusion zu bezeichnen – das würde nur einen neuen Schleier, eine neue Täuschung hinzufügen, einen Traum vom Durchschauen der Illusion – sondern es ist notwendig, ihr ganz zu begegnen, der Aktualität jeder Erfahrung ganz zu begegnen, mit offenen Augen und offenem Herzen. Beendigung von Leiden bedeutet jedoch nicht die Beendigung von Schmerz. Es liegt in der Natur des Lebens, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehen. So wie sich das Herz kontrahiert und ausdehnt, wie die Lungen sich zusammenziehen und wieder ausdehnen, so erfahren wir in diesem Leben Freude und Schmerz, Geburt und Tod, Zuwendung und Ablehnung, Gesundheit und Krankheit, Gefühle der einen und der anderen Art. Beendigung von Leiden bedeutet, an nichts festzuhalten und nichts abzulehnen, bedeutet an den schönen Erfahrungen, auch an tiefen spirituellen Erfahrungen nicht anzuhaften und bedeutet das normale Leben mit all seiner Freude und seinem Schmerz nicht abzulehnen. Es ist eine Haltung des ständigen Loslassens und gleichzeitig ganz präsent und wach. Es ist immer wieder hinüber, hinüber und noch mehr hinüber. Dieses Loslassen wird immer schneller, so dass Halten gar nicht mehr passiert. Und auf dieser Brücke zwischen der Unschuld, der Natur, der schlafenden Göttlichkeit der Natur und dem bewussten Sein gibt es viele wunderschöne Steine: da gibt es Meditation, Gebet, Hingabe, Liebe, Ehrfurcht und viele andere Steine, auf denen wir gehen können. Sie sind alle kostbar – ganz kostbare Steine, aus denen diese Brücke besteht. Und für jeden ist diese Brücke anders.“