Das Tao ist immer und überall gegenwärtig

Das Tao ist immer und überall gegenwärtig

Artikel für KGS Berlin Januar 2002

Als Michelangelo, der begnadete Künstler und Bildhauer, eines Tages spazieren ging, entdeckte er im Hof eines Steinmetzes einen Marmor-Block. Er sagte zu dem Händler: „Den Block will ich kaufen.“ Der Händler erwiderte: “Nein, dieser Block ist nicht zu gebrauchen, keine gute Qualität. Nimm den nicht.“ Michelangelo kaufte ihn dennoch und sagte: „Ich zeige dir später, was daraus geworden ist.“ Nach Wochen ging er zurück zu dem Händler und zeigte ihm die Pietà, eine wunderschöne Marmorskulptur, die die Mutter Maria mit dem toten Jesus im Arm zeigt. Ein unglaubliches Kunstwerk, das zutiefst berührt. Der Händler sagte: „Solch eine Schönheit hast du aus diesem schlechten Block geschaffen?“ Michelangelo erwiderte: “Nein, ich habe die Pietà nicht gemacht. Sie war die ganze Zeit schon da drin. Als ich den Block sah, hörte ich ihren Ruf. Ich habe nur weggenommen, was nicht dazu gehörte.“ Von Anfang an sah er, dass in dem Block die Pietà bereits schlummerte und nur darauf wartete, befreit zu werden. Genau so ist es hier. Die Essenz, die Wurzel jedes Wesens ist Buddhanatur. Aber im Lauf der Zeit hat sich etwas wie ein Marmorblock darum gebildet, und das einzige, was passieren muss, ist, dass die letztlich überflüssigen Dinge wegfallen, damit das Eigentliche, das Kunstwerk, die Schönheit, die Buddhanatur, die schon immer da war, zum Vorschein kommen kann. Wobei zugegebenermaßen die Behauung des Marmorblocks manchmal durchaus unangenehm für den Marmorblock sein kann. Die Pietà, die strahlende Schönheit eures Wesens, ist die ganze Zeit da. Sie ist nicht zu machen oder neu zu erschaffen, sie kommt auch nicht hinzu. Und selbst wenn Marmor drum herum ist, Spinnweben, Staub, Krusten, Anhaftungen, Muster und Egoschichten, ist trotzdem die ganze Zeit und seit Anbeginn der Zeit das Wesen, die Essenz eures Seins immer da. In jedem Moment eures Lebens, und davor und danach. In schönen Momenten genauso wie in schrecklichen. Kein Unterschied, was die Pietà angeht. Zum selben Thema sagt Laotse: „Das Tao ist nicht, was kommt und geht. Es ist immer und überall gegenwärtig, wie der Himmel. Aber wenn dein Gemüt umwölkt ist, siehst du es nicht. Dies bedeutet aber nicht, dass es nicht da ist.“ Ihr müsst euch einfach gelegentlich daran erinnern! Nur weil man etwas gerade nicht sieht, bedeutet das nicht, dass es nicht da ist. Weiter sagt Laotse: „Kannst du von Worten und Ideen, von Erwartungen und Meinungen lassen? Wenn du das kannst, wird das Tao sichtbar werden. Kannst du still sein und in dich hineinschauen? Wenn du das kannst, wirst du erkennen, dass die Wahrheit immer verfügbar ist.“ Das Tao ist nicht hörbar, weil es nicht vom Hören zu trennen ist. Es ist nicht sichtbar, weil es nicht vom Sehen zu trennen ist. Es ist so nah. Zu sehr überall, um es zu sehen. Es ist der ungeschlagene Ton. Es ist euer Angesicht vor eurer Geburt, nicht hörbar, nicht tastbar, nicht sehbar und immer da. Und gleichzeitig hält, schafft, umfasst und durchwirkt es alles, was es an Tastbarem, Hörbarem, Sehbarem, Fühlbarem gibt. Es gibt nichts ohne Das. Das heißt nicht, dass es die hörbaren, sehbaren, tastbaren, fühlbaren, Dinge nicht gäbe. Das wäre ein Missverständnis. Wenn die Meister sagen, “die Phänomene sind leer“ oder „die Welt ist ein Traum“, heißt das nicht, dass sie nicht existieren im Jetzt. Die Phänomene sind leer, weil sie keinen Bestand haben. Alles ist in ständiger Veränderung begriffen, dem Spiel von Yin und Yang. Aus hell wird dunkel, aus dunkel wird hell. Aus Tag wird Nacht, aus Nacht wird Tag in einem vollkommen natürlichen und real existierenden Spiel. Eins kommt nach dem anderen, und alles zu seiner Zeit. Babies werden geboren, Menschen sterben, es wird Frühjahr, Herbst, man verliebt sich, hat Liebeskummer, man ist jung, wird alt. Und alles geht in seinem Tempo bei verschiedenen Wesen. Damit ist alles okay. Kein Problem mit der Welt, so wie sie ist. Ein Problem kriegen wir nur dann, wenn wir dem Fluss, dem Tanz von Yin und Yang nicht folgen, nicht da sind, wo wir sind, sondern irgendwo anders sein wollen. Dann habe ich ein Problem, nicht wirklich, aber ein hausgemachtes. Oder da ist Traurigkeit und ich bilde mir ein, ich sollte jetzt froh sein. Aber so ist es meistens: Aufgrund aller möglicher Muster und Konditionierungen seid ihr nicht da. Wenn die Dinge sein dürfen, was sie sind, diese ‚Soheit der Dinge‘, das, was jetzt ist, im Innen und Außen, dann gibt es keinen Grund für Krieg. Aber wenn wir das Tao, die grundlegende Gutheit, vergessen haben, wenn wir uns nur an das Spiel von Yin und Yang heften und immer auf möglichst viel Hell und möglichst wenig Dunkel hoffen, dann ist, wie Laotse sagt, unser Gemüt umwölkt. Dann sehen wir nur das Wechselspiel und wünschen uns eine Seite davon und kommen in Greifen, Halten, Abwehren, kommen in Leiden. Die „Umwölkung des Gemüts“ lässt die Pietà vergessen in diesem scheinbar so harten Block. Was nicht heißt, dass sie nicht da ist.