Das Offene Herz der Mystik

Das Offene Herz der Mystik

Der kleine Geist, das kleine Ich versucht ständig sich abzugrenzen, abzusichern, Türen zuzusperren. Man hätte dann natürlich gern einen Türsummer, damit man selektiv gelegentlich öffnen kann, wenn man denkt, der Nutzen könnte größer sein als der Schaden.

Das, worum es mir hier geht, ist das glatte Gegenteil – es ist Mystik. Mystik heißt sich zu öffnen und zu öffnen und zu öffnen, ohne Selektion, ohne Bedingung, sogar ohne Türsteher, ohne Grenzen und ohne Ende. Ein sich Öffnen und Öffnen in der Stille, in der Bewusstheit, in der Meditation und ein sich Öffnen und Öffnen in der Liebe, in der Hingabe und im Gebet. In letzter Zeit habe ich mit tiefer Berührung und Freude einiges von Teresa von Avila gelesen. Sie spricht viel von Gebet, dort wo die Meister des Ostens von Meditation sprechen. Sie benutzt eine andere, eine christliche Terminologie und meint doch immer absolut dasselbe wie Buddha, Milarepa oder Atisha.

Von der menschlichen Seele spricht sie als einer diamantenen Burg, die viele Zimmer hat: „… da bot sich mir dar, was ich nunmehr sagen und als Fundament gebrauchen möchte: nämlich unsere Seele als eine Burg zu betrachten, die ganz aus einem Diamant oder einem sehr klaren Kristall besteht und in der es viele Gemächer gibt, gleichwie im Himmel viele Wohnungen sind. Denn wenn wir es recht betrachten, Schwestern, so ist die Seele des Gerechten nichts anderes als ein Paradies, in dem der Herr, wie er selbst sagt, seine Lust hat.“

In diesem ersten Satz ihrer Schrift „die innere Burg“, die sie fünf Jahre nach ihrer Erleuchtung oder ihrer Unio Mystica, wie die christlichen Mystiker sagen, verfasste, scheint schon die ganze Größe, die ganze Hingabe, die Tiefe ihres Gebets und ihrer Meditation auf. Sie spricht nicht davon wie, ob und wodurch sie im Paradies lustwandeln könnte, sondern sie spricht von ihrer Seele als einem Platz, an dem das Göttliche in ihr lustwandeln kann. Das ist das Gegenteil des sich abgrenzenden, Mangel empfindenden und greifenden, wünschenden kleinen Geistes. Könnt ihr das schmecken, dieses offene Herz, ohne Grenze, ohne Rückhalt, ohne Bedingtheit? In dieser Unbedingtheit der Mystikerin und des Mystikers erscheint das, was von Anfang an ohne Bedingung ist: Das Göttliche, Buddha-Natur, die kristallene Natur.

Ihre Beschreibung des eigentlichen Wesens des Menschen als Diamant ist so schön und klar und weist auf die vollkommen klare, vollkommen dem Licht geöffnete, durchscheinende und gleichzeitig so diamantene, unzerstörbare wahre Natur des Geistes hin (genau wie die Beschreibungen indischer und tibetischer Meister der Vajra (=Diamant) –Natur).

Wie entsteht Diamant? Diamant ist chemisch dieselbe Substanz wie simple, schwarze Kohle – Kohlenstoff. Kohle ist schwarz, schmierig, brennbar, sehr leicht zu zerstören. Wenn Kohle über sehr lange Zeit in der Erdkruste einem sehr hohen Druck und sehr hoher Temperatur ausgesetzt ist, dann wird sie zu Diamant. So ist es auch mit der menschlichen Seele. Sie braucht das Feuer und manchmal sogar Druck auf dem pfadlosen Pfad von der Begrenztheit des kleinen Geistes zur wahren Natur des Geistes.
Teresa schreibt weiter: „Nun, was meint ihr, wie wohl die Wohnstatt sein mag, in der ein solch mächtiger, weiser und reiner König, der so reich an Gütern jeglicher Art ist, sich ergötzt? Ich finde nichts, mit dem sich die große Schönheit einer Seele, ihre Weite und ihre hohe Befähigung vergleichen ließe. Und wahrlich, unsere Einsicht und unser Verstand, so scharfsinnig sie sein mögen, reichen schwerlich aus sie zu begreifen. Genauso wenig wie sie Gott sich auszudenken vermögen, denn er selbst sagt, dass er uns schuf nach seinem Bilde. Ist dies wirklich so – und es ist so –, dann brauchen wir uns nicht abzumühen in dem Verlangen, die Schönheit dieser Burg zu erfassen.“

Versucht es gar nicht erst. Weder können wir die Tiefe, die Kostbarkeit, die Schönheit, die Unendlichkeit des Göttlichen jemals erfassen oder begreifen, noch die unserer eigenen Natur in ihrem Einssein mit Dem. Was wir verstehen können und was auch wichtig ist zu verstehen sind all die Muster, all die Konditionierungen, die Zusammenhänge der Ängste, der Gier und des Hasses. Aber das alles ist nicht wirklich unsere Seele, sondern das, was Teresa später „…etwas, was wie ein dunkles Tuch über dem Kristall der Seele liegt“, nennt. Dieser Kristall, der von derselben Natur wie das Göttliche selbst ist, ist in all seiner Fähigkeit zur Lichtheit völlig unverändert von Anfang an in jedem vorhanden. Nur, ein Diamant – sehr wohl fähig Licht durchzulassen – kann dies trotzdem nicht, wenn ein schwarzes Tuch darüber liegt. Und es geht nur darum, dieses schwarze Tuch wegzunehmen. Das schwarze Tuch sind Dinge wie: Türen zusperren, Paranoia, Angst, Gier, Ablehnung, Neid, Stolz, Mangelgedanken…  Die wahre, die göttliche Natur jeder Seele, jedes Wesens gilt es zu ent-decken, zu ent-hüllen, zu erfahren und zu leben.

„Denken wir uns also, dass diese Burg, wie ich schon gesagt habe, viele Wohnungen hat, und dass sie ganz innen, in der Mitte all dieser Wohnungen, die allerwichtigste birgt: jene, wo die tiefgeheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele vor sich gehen. Es ist nötig, dass ihr auf dieses Gleichnis achtet.“

Es ist wichtig, wie und woraus und mit welcher Haltung in uns wir die Dinge betrachten. Die Dinge sind immer dieselben, nur die Sichtweise ist eine andere. Ihr habt immer wieder die Wahl, welche Sichtweise, welche Haltung, welche Motivation, welchen Standpunkt ihr für euch und euer Handeln in einer gegebenen Situation wählen wollt. Damit könnt ihr auch experimentieren. Wie ist es, wenn ich aus dem Wehrgang der Burg schaue, wo all die Wachen sind, die versuchen, das Ich abzugrenzen und zu schützen? Und wie ist es, wenn ich aus dem göttlichen Herz, mit Offenheit schaue? Wie ist es in einer bestimmten Situation, wenn meine Motivation ein Brauchen oder eine Furcht oder eine Gier ist? Und wie ist es, wenn meine Motivation in derselben Situation Hingabe oder Liebe ist? Das ist interessant auszuprobieren. Und ihr habt immer wieder und wieder die Freiheit und auch die Wahl, und damit natürlich auch die Selbstverantwortlichkeit.