Das Leben ist ein Mysterium

Das Leben ist ein Mysterium

Für Mensch und Sein März 2002

“Was ist dies “Leben” nur? Welch ein Mysterium – absurd, unbegreiflich, aufregend, beängstigend, erhaben – zwischen Finanzamt, Verliebtheit und Begräbnis. Worauf hoffe ich noch? Wie schnell dieses Leben vergeht! Ja, ich hoffe, ewig zu sein, getragen von Liebe und Seligkeit, entspannt, ohne jede Angst, voller Mitgefühl für alle Wesen. Ich kenne solche Zustände. Sollte das wirklich “meine wahre Natur” sein? Werde ich da hinein sterben?”

Oh ja, das Leben ist ein Mysterium. Ein wunderbares, unergründbares Mysterium. Ryokan schreibt: „Geh tief in das Leben hinein, so tief du kannst. Dann wirst du fähig, selbst die Blüten sein zu lassen.“ In jedem Moment des Lebens, dem wir mit offenem Herzen , Totalität und mit tiefer Dankbarkeit – ganz jetzt begegnen, eröffnet sich dieses Mysterium. Der Tanz der Existenz wird offensichtlich. Und das gilt sowohl für die schönen, aufregenden, wie für die langweiligen oder beängstigenden Augenblicke. Wozu da noch Hoffnung? Worauf willst du hoffen, wenn aller Reichtum, alle Schönheit, alle Liebe immer Jetzt ist und nie später, nie dann? Lass die Hoffnung und sei ganz jetzt, ganz hier. Selbst die Frage nach Ewigkeit oder danach ewig zu sein stellt sich dann nicht, denn auch Ewigkeit ist genau Jetzt. Genau jetzt in der Tiefe dieses Mysteriums ist Liebe, ist Seligkeit und ist Mitgefühl für alle Wesen. Ja, das ist deine wahre Natur. Noch nicht mal getragen sein ist da notwendig. Denn deine Natur ist Liebe selbst, ist Seligkeit selbst. „…Dann wirst du fähig selbst die Blüten sein zu lassen“. Ja, das Mysterium erfordert ein Loslassen in jedem Moment – wieder und wieder und wieder – und auch das in aller Totalität. Und das Loslassen wiederum wird ermöglicht in der Totalität des Seins jetzt. Ja, stirb da hinein. Denn sterben kann nur das, was nicht deine wahre Natur ist. Noch ein Gedicht von Ryokan: „Absichtslos, mit leerem Herz und Geist laden die Blüten den Schmetterling ein; Absichtslos, mit leerem Herz und Geist besucht der Schmetterling die Blüten. Wenn die Blume sich öffnet, kommt der Schmetterling; Wenn der Schmetterling kommt, öffnet sich die Blume. Ich weiß nichts über andere, Und andere wissen nichts von mir. In Nicht-Wissen folgen wir ganz natürlich dem Weg.“ Absichtslos, kein Wissen – der weglose Weg – und weiter und weiter und weiter und tiefer und tiefer und tiefer in das Mysterium. Kein Ende des weglosen Wegs.