Crazy Wisdom

Crazy Wisdom

Zu allen Zeiten hat es spirituelle Meister gegeben, die durch ihr exzentrisches Verhalten ihre Schüler auf eine harte Probe stellten.
Einer der bekanntesten Lehrer des zwanzigsten Jahrhunderts war wohl Gurdjieff, und er war nicht zimperlich in seinen Methoden, Schüler über ihre Grenzen hinauszuführen. Sie mussten anstrengende Übungen machen, schwerste, schein­bar sinnlose körperliche Arbeiten ausführen, er konfrontierte sie hart, demütigte und beleidigte sie, hielt sie an, Unmengen Alkohol mit ihm zu trinken und prüfte dann, wie klar sie noch waren, usw. Auch von östlichen Meistern, z.B. Zen-Meistern wird berichtet, dass sie bewusst schockierende Mittel anwenden, um den Schüler in andere Bewusstseinsdimensionen zu führen. Ist jedes Mittel recht, um jemanden aufzuwecken?

Pyar: Meister aller Art haben unterschiedlichste, aus dem spontanen Ausdruck ihrer Buddha-Natur entstehende Mittel verwandt, mal schockierend, mal sanft, durch die ein Anhalten des Geistes ihrer Schüler geschehen konnte. Sei es die „Stop-Übung“ von Gurdjieff, die auch Osho verwandte, seien es Koans der Zenmeister, sei es der Zen-Stock, sei es das einfach Da-Sein, Still-Sein anderer Zen-Meister und Ramanas, sei es das Beispiel des gelebten Lebens Jesus, sei es die gelebte Unbändigkeit und Bedingungslosigkeit der Gottesliebe des Franziskus – auch ein Narr Gottes, wie er sich selber nannte – sei es die dem Verstand verrückt erscheinende Entrücktheit und Verzückung christlicher und Sufi-Mystiker – allesamt im Ausdruck ihrer Buddhanatur Crazy-Wisdom-Meister. Aber das Anhalten des Geistes des Schülers muss und kann nicht zwangsläufig geschehen, denn es ist keine Methode. Die Methode aller Buddhas ist eine Nicht-Methode. Auch in dem Sinn, dass all dies als völlig spontane nicht-handelnde, wunschlose Aktion geschieht. Ja, der Weg aller Buddhas ist ein Nicht-Weg. Deshalb erscheint die wahre Weisheit aller Buddhas dem Intellekt auch als verrückt. Sei der Ausdruck des Meisters nun sanft oder heftig. Es geht aber nicht nur um die Mittel, auch diese müssen adäquat sein  – im Buddhismus spricht man von geschickten Mitteln, das finde ich sehr schön ausgedrückt. Aber noch mehr geht es um den Raum, aus dem diese Mittel kommen, und um den Boden, in den sie wie ein Samenkorn fallen. Dieses Bild des Samenkorns hinkt wie jedes Bild der Wahrheit hinterher, und dennoch möchte ich es hier verwenden. Das geschickte Mittel ist wie der Same. Der Raum der Liebe und des Respekts vor jedem Wesen, der Raum des Friedens, der Stille, der Unendlichkeit, der Meditation, der Raum des Nichts-Wollens, der Raum des Seins JETZT, in bedingungsloser furchtloser Offenheit, das ist die Blume, von der der Same kommt. Wenn der Same von dieser Blume kommt, wenn er aus der spontanen, nicht-wollenden, nicht-handelnden Aktion, aus der unverschleierten Buddha-Natur eines wahren Meisters kommt, dann ist er echt und keimfähig, dann trägt er den Duft der Meditation, der Liebe, des Raumes, den Duft der Blume an sich, egal wie er aussieht. Nur dann ist er echt. Sonst ist er Plastik, in wie viele spirituelle Worte er auch verpackt sein mag. Er mag aussehen wie ein Same, riechen wie ein Same, aber er wird nicht aufgehen. Dann ist es kein geschicktes Mittel, sondern spiritueller Missbrauch, Machtmissbrauch eines spirituellen Egos. Chögyam Trungpa, auch ein zeitgenössischer Crazy-Wisdom-Meister tibetischer Tradition, verwandte in diesem Kontext den Begriff des „spirituellen Materialismus“. Die Gefahr des Missbrauchs liegt bei diesem Thema, insbesondere auch wenn es um die von dir angesprochenen drastischen Mittel geht, sehr nahe. Der Boden ist die Bereitschaft des Schülers. Blume – Same – Boden – Blume. Ein Zen-Meister schnitt einmal einem seiner jungen Schüler einen Finger ab – der Schüler erfuhr augenblicklich Erleuchtung. Das Mittel des Finger-Abschneidens kam von eben jener Blume, kam direkt aus der unverstellten, unverschleierten Buddha-Natur des Meisters, und fiel auf den fruchtbaren Boden der Offenheit und Bereitschaft des Schülers. In Afghanistan wurden Menschen Finger abgeschnitten, weil sie angeblich ein islamisches Gebot übertreten haben. Sie erfuhren dabei im Allgemeinen keine Erleuchtung, oder?

Was genau meinst Du mit spirituellem Missbrauch?

Pyar: Das Thema Crazy Wisdom ist sehr heikel. Denn die Versuchung des Missbrauchens und des sich Missbrauchen-Lassens ist hier besonders groß. Es gibt viele Geschichten großer erleuchteter Crazy-Wisdom­Meister und ihrer Schüler, aber es gibt ebenso viele Geschichten von Pseudo-Meistern, die ihrem eigenen mehr oder weniger subtilen Ego dienten, ihrem eigenen Bedürfnis nach Anerkennung und Macht – auf welcher körperlichen, materiellen, spirituellen Ebene auch immer. Das spirituelle Ego ist subtil und dennoch eine sehr wirksame Verschleierung. So kann zum Beispiel ein sexueller Missbrauch, Machtmissbrauch geschehen, und zur Rechtfertigung wird Crazy Wisdom herangezogen. Dies muss noch nicht einmal in klarer, bewusster Absicht geschehen, sondern viel mehr geschieht es aus der Unbewusstheit, die mit dem spirituellen Ego eines solchen Pseudo-Meisters einhergeht. Darüber hinaus ist da ein tiefes Missverstehen, eine Verwechslung von verrückter Weisheit mit verrückter Methode. Und diese Verwechslung ist bereits ein spiritueller Missbrauch in sich. Das ist wichtig, denn verrückte Weisheit ist keine Methode, die bei Bedarf im Umgang mit Schülern herangezogen werden kann, sondern sie ist Weisheit, die sich im Leben des Meisters selbst zeigt, in seiner offenen Bereitschaft, in seinem verrückt-weisen Umgang mit allen Aspekten des Lebens.

Sind gewalttätige Mittel nicht ein Versuch, seelische Verkrustungen aufzubrechen? Es gibt heute spirituelle Lehrer, die der Meinung sind, Aufwachen wäre in der gegenwärtigen Zeitqualität sehr einfach, es komme darauf an, dass die Realisation auch verkörpert werden könne.

Pyar: Nein, da kann ich nicht zustimmen. Erstens war es immer gleich schwierig oder unschwierig, sich von Anhaftungen zu befreien. Zweitens liegt hier wieder die Verwechslung von gewalttätigem Mittel und verrückter Weisheit vor, und drittens geht es nicht um Zeitqualitäten. Zu jeder Zeit gab es erleuchtete Meister, die in ihrem Ausdruck rauh waren, und solche, die in ihrem Ausdruck sanft waren. Und zu jeder Zeit war und ist es notwendig, sich den Verkrustungen, den Anhaftungen, den Ego-Strukturen, den alten und neuen Schmerzen und Ängsten, die sich im menschlichen Geist über lange Zeit angesammelt haben, zu stellen, ihnen offen und in Bereitschaft zu begegnen. Das war immer unabdingbar, und es wurde von den Wüstenvätern der christlichen Antike auf ihre eigene verrückt-weise Art ebenso praktiziert wie von den Mystikern des Mittelalters, von Milarepa (ein großer Crazy-Wisdom­-Meister in Tibet) ebenso wie von seinem Meister Marpa und dessen Meister, ebenso wie von Zen-Meistern oder Sufi-Meistern. Ohne das, ohne diese Integration und direkte Begegnung, ohne diese Hingabe und ohne diese Akzeptanz dessen was ist, ohne die Bereitschaft zur fühlenden, sehenden, ehrlichen, direkten Begegnung und Integration, bleibt Spiritualität nichts als ein neuer Fluchtversuch, eine neue, scheinbar sichere Zuflucht. Und wem dient diese Zuflucht? Niemand anderem als dem dann zwar spirituellen, aber nach wie vor gespaltenen, ablehnenden, wünschenden, verschleierten Geist. Genau das führt zu neuem Leiden verschiedenster Art, neuer Frustration oder aber zu spirituellem Missbrauch oder zu beidem. Die Schönheit eines wahren Crazy-Wisdom-Meisters liegt auch darin, solche Fluchten in spirituellen Materialismus, in ein Schwelgen in spirituellen Erfahrungen, die ja immer noch in den Bereich der Phänomene gehören, zu erschweren. Und gleichzeitig liegt auch genau hier wieder die Gefahr des Missbrauchs. Sicherheit gibt es nicht! Es bleibt ein Tanz auf Messers Schneide. Wachheit, Wachsamkeit, Da-Sein, Präsenz, Meditation, Ehrlichkeit sind notwendig, und die Bereitschaft zu fallen und wieder aufzustehen.

Das Schwelgen in spirituellen Erfahrungen ist sehr verführerisch und scheint mir weit verbreitet zu sein.

Pyar: Das Schwelgen in spirituellen Erfahrungen ist wahrlich eine Falle, eine subtile Falle. Hier wird versucht zu halten, was nicht zu halten ist. Hier wird versucht, Gott zu einem Ding zu machen. Hier tauchen Gier und Anhaftungen in ihrer subtilen Form, aber mit aller Gewalt wieder auf und führen zu neuem Leiden, neuer Trennung.

Ich habe den Eindruck, daß Crazy Wisdom gerade diese Anhaftung zerstören will.

Pyar:  Diese Falle und diese Anhaftung ist nicht traditionsspezifisch oder methodenspezifisch. Sie taucht in allen Traditionen auf. Schüler von Crazy-Wisdom­-Meistern begegnen dem Land der Götter oder dem Bardo der Meditation (so nennt man in Tibet das Schwelgen in spirituellen Erfahrungen) genauso wie Schüler anderer Meister. Da ist kein Unterschied, denn auch dem muss begegnet werden. Es gibt keine Abkürzungen, wir müssen allem offen und bereit und in Hingabe begegnen, müssen bereit sein, alle Anhaftungen, auch die subtilsten, auftauchen zu lassen, den Schmerz davon zu fühlen und sie sich lösen zu lassen. Wir müssen alles loslassen, und zwar wieder und wieder und wieder, von Moment zu Moment.

Geht es also vor allem darum, beim Schüler die Bereitschaft zu erhöhen?

Pyar: Der Meister kann die Bereitschaft des Schülers nicht herbeizaubern. Der Meister kann nur selbst bereit sein. Und ist bereit.

Beim Meister sprichst Du von Absichtslosigkeit. Darf er denn gar nicht die Absicht haben, seine Schüler aufzu­wecken?

Pyar: Das ist ein Paradox. Jeder Boddhisattva wünscht, dass alle Wesen in Frieden sein mögen, und lebt dafür. Und gleichzeitig ist darin Absichtslosigkeit, denn er bleibt sich der Unzähligkeit der Wesen bewusst. Und er projiziert nicht auf eine Zukunft, sondern bleibt mitten im Jetzt – so wie es ist, ohne Wollen, Vorstellung oder Greifen. Er ist bereit mitten in diesem Paradox zu stehen.

Wenn der Meister realisiert hat, dass es keine Trennung gibt, muss er dann nicht erst lernen, möglichst geschickte Mittel zu verwenden?

Pyar: Oh ja, das stimmt. Und auch dieses Lernen hat kein Ende.

Einige Crazy-Wisdom-Meister erscheinen grausam und hart, und wenn der Schock geglückt ist, werden sie plötzlich liebevoll. Wird hier nicht Liebe berechnend bzw. methodisch benutzt?

Pyar: Liebe kann man nicht benutzen, schon gar nicht methodisch. Alles, was man benutzen kann, ist keine Liebe. Wenn da keine Liebe ist, dann ist der Meister kein Meister — egal in welcher Tradition er steht oder welche Methoden er verwendet oder wie liebevoll er nach außen erscheinen mag. Und wenn da Liebe ist, dann steht genau diese Liebe hinter jeder Handlung und jedem Wort – egal wie es dem Schüler erscheinen mag.

Durch die zunehmende Zahl von Veröffentlichungen, in denen ehemalige Suchende den Prozess ihres Erwachens schildern, könnte man den Eindruck gewinnen, dass in unserer Zeit mehr Menschen ihr wahres Selbst realisieren als früher.

Pyar:  Ich habe keine Ahnung, ob es derzeit mehr erwachte Menschen gibt als zu anderen Zeiten. Darüber gibt es keine Statistik. Sicher ist, derzeit wird mehr darüber geredet als zu anderen Zeiten. Und in diesem Reden-Über und Hoffen-Dass spielt auch viel New-Age­Glaube und Verklärung eine Rolle — neue Verschleierung – neuer Traum – neue Illusion.

Du sprachst von der Verwechslung verrückter Weisheit mit verrückter Methode. Was ist verrückte Weisheit, was ist göttliche Verrücktheit?

Pyar: Danke für diese Frage! Bisher haben wir fast nur über verrückte Methoden gesprochen und kaum über verrückte Weisheit. Und die Verrücktheit, Ausgefallenheit oder die schockierende Eigenschaft von Methoden garantiert in keiner Weise Weisheit! Es ist gerade umgekehrt: Weisheit ist wie ein Baum, an dem die Methode wie eine Frucht reifen kann. Die Wurzel dieses Baumes ist Liebe und Mitgefühl. Ohne Baum keine Frucht. Ohne Wurzel – ein verdorrter Baum – verdorrte Früchte. Weisheit ohne Mitgefühl ist keine Weisheit.

Verrückte Weisheit begegnet allem was ist in Offenheit, nicht um irgendetwas zu erreichen, sondern einfach weil es so ist, wie es ist. Sie kämpft nicht gegen etwas, sie durchdringt in der Tiefe. Auf diese Weise, geboren aus der ursprünglichen Unschuld, transzendiert sie Hoffnung und Furcht, Begehren und Ablehnung und erkennt und anerkennt die Unerschütterlichkeit der Friedlichkeit. Ohne nach Ziel und Erreichen zu fragen geht sie den weglosen Weg. Verrückte Weisheit kämpft nicht gegen Dämonen, nicht gegen Gefühle, nicht gegen Geist, nicht gegen Körper und nicht gegen Herz. In tiefstem Respekt vor jedem Wesen – und das ist die unabdingbare Voraussetzung – verwurzelt in Stille, Liebe und Mitgefühl, ist sie bereit allem zu begegnen, ohne Bedingung, ohne Ziel, ohne Boden, ohne Sicherheit, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft und in aller Lebendigkeit. Sie flieht nicht in einen abgehobenen, nicht-menschlichen Zustand, sucht keinen Halt, keine neue Heimat oder Sicherheit in einer grauen Leere, sondern reitet wie Dorje Trolö (ein Aspekt Padmasambhavas – des großen Crazy-Wisom-Meisters, der den Buddhismus nach Tibet brachte) auf einer schwangeren Tigerin mitten ins Leben. Ganz still, ganz lebendig, ganz sprühend – ganz präsent. Das ist verrückte Weisheit und das ist die grundlegende Qualität eines Crazy-Wisdom-Meisters.

Göttliche Verrücktheit ist ein Brennen in der Liebe Gottes und in der Liebe zum Göttlichen zu gleicher Zeit. In diesem Brennen, dieser Liebe gibt es keine Trennung zwischen Geliebtem und Liebendem. In dieser verrückten göttlichen Liebe lebten viele Weise. Meera tanzte trunken von Göttlichkeit auf den Straßen Indiens ohne darauf zu achten, was die Leute denken könnten. Franziskus umarmte Leprakranke und begegnete in ihnen dem Göttlichen selbst, genauso wie er dem Göttlichen in jeder Blume, jedem Stern, in der Sonne und dem Tod begegnete – in einer Begegnung, die jenseits von Begegnung war, denn Franziskus verschwand völlig in dieser Begegnung. Der Betende, der Liebende verschwindet im Gebet, in der Liebe – und das Göttliche, das Objekt der Liebe und Anbetung verschwindet mit ihm. Was bleibt ist Gebet ohne Beter, ist Tanz ohne Tänzer, ist Singen ohne Sänger, ist Glückseligkeit, ohne jemanden, der glückselig wäre, ist Weisheit ohne jemanden, der Weisheit besitzt. Das ist göttliche Verrücktheit.

Das Interview wurde von David Reiners per e-mail geführt